Co-Creation - Das Ende hierarchischer Macht?! - Swissmem Academy

Co-Creation - Das Ende hierarchischer Macht?!

10.07.18

Aktuelle Definitionen von Führung und Arten der Zusammenarbeit sowie die dafür nötigen Organisationsstrukturen fordern in den meisten Fällen Agilität, Flexibilität und eine Reduzierung der Hierarchieebenen.

Gerade Letzteres fordert in Bezug auf das Miteinander Co-Creation, d.h. die grundlegende Idee der hierarchie-, abteilungs- und Unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit.

 

Die konsequente Umsetzung des Konzepts stellt das «alte» Verständnis von Führung – Einzelpersonen haben machtvolle Positionen in einer hierarchischen Struktur – komplett in Frage, denn Co-Creation bedeutet auch dass es zwischen den Beteiligten eine Beziehung gibt für die beide Seiten verantwortlich sind, d.h. alle Beteiligten müssen sich aktiv beteiligen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass sich Führung in diesem Modell immer wieder neu legitimieren muss, d.h. es reicht nicht mehr aus, dass Führung durch eine organisatorische Stellung und hierarchische Macht entsteht, die auf bisher Erreichtem gegründet ist. Aus dieser Perspektive kommt Führung aus dem Potenzial für das Zukünftige und gründet somit auf Persönlichkeitseigenschaften sowie Vertrauen, dass bisher gezeigtes Verhalten auch zukünftig genutzt wird. Die zum Erledigen einer Aufgabe nötigen Kompetenzen werden vorausgesetzt bzw. werden als etwas gesehen, dass sich je nach Bedarf mehr oder weniger schnell aufbauen lässt.

 

Erfolgreiches Umsetzen und «Leben» von Co-Creation muss allerdings – ebenso wie das Pflegen der Beziehung selbst – auf beiden Seiten, d.h. sowohl bei den Führungskräften als auch Mitarbeitenden, stattfinden. Grundsätzlich braucht es wohl – wie bei allen grösseren Veränderungen – eine gewisse Offenheit sowie den Mut es zuzulassen. Sobald gegenseitiges Vertrauen sowie eine positive Grundeinstellung zu dieser Art des Arbeitens vorhanden ist, kann die nötige Agilität und Flexibilität im Denken und Handeln auch entstehen.

 

In den Grundannahmen zur Digitalisierung vs. Industrialisierung finden sich weitere Gründe für die Sinnhaftigkeit und den voraussichtlichen Erfolg von Co-Creation:

 

Tabelle 1: Grundannahmen Industrialisierung / Digitalisierung (vgl. Hofert S. 111)

 

Eine machtvolle Position in einem Team entsteht also nicht mehr automatisch aufgrund der Stellung im Organigramm, sondern aufgrund von Leistung des Einzelnen sowie für Führungskräfte im Besonderen aufgrund ihrer Fähigkeit Beziehungen zu ermöglichen und zu gestalten. Die Führungskraft wird somit zum Coach der vorhandenen Experten. Sie lässt Verbindungen entstehen, bringt die richtigen Menschen zur richtigen Zeit zusammen und gibt ihnen den Freiraum den es zur Entfaltung der Kompetenzen braucht. Gleichzeitig braucht es aber wohl auch das nötige Augenmass was sinnvoll ist und was nicht. Hierarchie abzuschaffen, jedem Mitarbeiter volles Selbstmanagement und –organisation zu geben sowie eine «lange Leine» nur noch locker zu halten, würde vielfach überfordern und fokussiertes Arbeiten schwer möglich machen.

 

Für die Aus- und Weiterbildung von Führungskräften heisst dies auch, dass es nicht mehr um den Aufbau von Wissen zu spezifischen Theorien geht sondern um echtes Anwendungswissen bezogen auf die Zielgruppe des Handelns. Dies setzt Selbstreflektion voraus, aber auch ein geschultes Auge für Teamdynamik und Potenziale von Mitarbeitenden sowie Kommunikation und Feedbackfähigkeit um einerseits Perspektive zu geben, andererseits aber auch Grenzen zu setzen und einen klaren Rahmen vorzugeben. Genau dann sollte Co-Creation auch seine ganze Kraft entfalten können und nachhaltig Mehrwert schaffen.

 

Quellen:

Frischknecht, A. (2017). Leadership als Co-Creation (1. Aufl.). hep Verlag AG, Bern.

Hofert, S. (2018). Das agile Mindset (eBook). Springer Fachmedien GmbH, Wiesbaden.